Der letzte Gigant: Warum wir Francis Ford Coppola falsch verstehen (und warum ich ihn liebe)
Von Pedram Zolgadri — veröffentlicht am 2026-04-07
Natürlich ist Filmgeschmack subjektiv. Wenn wir drei Leute in einen Raum sperren, kommen sie mit fünf verschiedenen Lieblingsfilmen wieder heraus. Aber wenn ich euch frage: „Was ist der objektiv beste Film aller Zeiten?“, dann wird ein Titel immer und immer wieder fallen.
**Francis Ford Coppolas „Der Pate“.**

Was Messi für den Fußball ist, oder was MrBeast für YouTube ist, das ist *Der Pate* für das Kino. Es gibt da draußen sogar jemanden, der einen eigenen Algorithmus entwickelt hat, um alle relevanten Bewertungen von IMDb, Letterboxd und Rotten Tomatoes zusammenzurechnen. Das Ergebnis? Platz 1. Wenig überraschend. Es ist also keine steile These zu behaupten, dass dieser Film das Fundament des modernen Kinos ist.
Man kann sich heute, im Zeitalter von Content-Überfluss, kaum vorstellen, wie einflussreich dieses Werk tatsächlich war. Er hat Generationen geprägt. Es gibt Studien über den sogenannten „Godfather Effect“, die zeigen, wie dieser Film das Selbstbild der italo-amerikanischen Community verändert hat. Plötzlich war die Mafia ein romantisiertes Konzept.
Allein mit diesem Film hätte Coppola sich zur Ruhe setzen können. Er war unsterblich. Aber was macht er? Zwei Jahre später, 1974, bringt er *Der Pate 2* in die Kinos. Ein Film, der Sequel und Prequel zugleich ist. Ein Film über Rache, Macht, Familie und den Verfall der Seele. Al Pacino und Robert De Niro spielen sich die Seele aus dem Leib. Viele – und da schließe ich mich ein – halten ihn für noch besser als den ersten Teil. Die vielleicht beste Dilogie der Filmgeschichte.
Coppola war in den 70ern nicht aufzuhalten. Er war in einem Rausch.
### Das goldene Jahrzehnt und das vergessene Meisterwerk
Wir müssen kurz über das Jahr 1974 sprechen. Im selben Jahr, im selben verdammten April, veröffentlichte er einen der unterschätztesten Filme aller Zeiten: *The Conversation* (Der Dialog). Ein psychologischer Thriller, eine Charakterstudie mit einem Sounddesign, das nicht von dieser Welt war. Drei Oscar-Nominierungen. Kritiker lagen ihm zu Füßen. Und trotzdem kennt ihn heute kaum jemand. Warum?
Weil Coppola seinen eigenen Schatten warf. Bei den Oscars konkurrierte *The Conversation* gegen *Der Pate 2* – als „Bester Film“. Er trat quasi gegen sich selbst an. Natürlich gewann der Pate. Coppola war der König von Hollywood.
Und als man dachte, dieser Ikarus-Flug könnte nicht höher gehen, stürzte er sich in den Wahnsinn namens *Apocalypse Now* (1979). Ein Film, dessen Produktion so chaotisch war, dass sie fast seinen Verstand, seine Finanzen und Martin Sheen das Leben gekostet hätte. Aber das Ergebnis? Ein weiteres, bombastisches Meisterwerk.
Zwischen 1972 und 1979 hat dieser Mann die vier vielleicht besten und einflussreichsten Filme aller Zeiten gedreht. Er hat das „New Hollywood“ definiert. Er wurde zur lebenden Legende.
Doch dann... Stille. Oder schlimmer: Der Absturz.
### Der Fall des Ikarus?
Springen wir in die Gegenwart. Was ist passiert? Werfen wir einen Blick auf die letzten 20 Jahre. Seit 2000 kamen Filme wie *Youth Without Youth*, *Tetro* und der berüchtigte *Twixt*. Ich bin mir sicher, die meisten von euch kennen den Schokoriegel Twix, aber nicht diesen Film. Und das ist verständlich. *Twixt* ist ein Fiebertraum. Niemand hat diesen Film gesehen. Und wenn doch, dann fragt man sich: War das wirklich Coppola? Hat derselbe Mann, der die Corleone-Saga inszeniert hat, diesen wirren Trip ohne Zusammenhang gedreht?
Es fühlt sich an, als wäre man tagelang ohne Wasser durch die Wüste gelaufen und hätte angefangen zu halluzinieren.
Man kommt nicht um den Gedanken herum: Hat der alte Mann, mittlerweile über 80, seinen Funken verloren? Es ist wie im Sport. Der einzige Gegner, den niemand besiegt, ist „Vater Zeit“. Muhammad Ali hat den Absprung verpasst. Die Rolling Stones touren immer noch, aber wann habt ihr das letzte Mal einen neuen Song von ihnen gehört, der euch umgehauen hat?
Künstlerische Karrieren haben oft nur ein kurzes Fenster absoluter Genialität. Du musst dich ständig neu erfinden, adaptieren, mit der Zeit gehen. Die meisten schaffen das nicht. Martin Scorsese ist vielleicht die einzige Ausnahme, der wie ein guter Wein reift. Aber Coppola? Ist er nur noch ein Schatten seiner selbst?
Ich glaube nicht. Ich glaube, wir messen ihn mit dem falschen Maßstab.
### Die Besessenheit nach Wahrheit

Coppola unterscheidet sich fundamental von den meisten heutigen Regisseuren. Wir leben in einer Zeit, in der fast alles vor Greenscreens gedreht wird. Tote Schauspieler werden per KI zurückgeholt. Historische Fakten sind optional. Es fehlt an *Echtheit*.
Coppola aber ist besessen von Wahrheit. Schon beim Paten wollte er um jeden Preis echte Italiener. Er gab Unmengen an Geld aus, nur um Kücheneinrichtungen zu bauen, damit die Schauspieler authentisch kochen konnten, damit der Geruch stimmte, damit die *Kultur* spürbar war.
Es gibt diese Szene in der Doku über *Apocalypse Now*. Coppola erklärt, wie er die Szene beim Dinner auf der französischen Plantage haben will. Er redet wie ein Besessener. Der Film muss echter sein als die Realität. Er sucht nicht nach dem perfekten Shot, er sucht nach dem *wahren Moment*.
Er sagt selbst: „Mehr als alles andere suche ich nach Wahrheit in meinen Filmen.“
Deshalb macht er Filme nicht, um Geschichten zu erzählen. Und schon gar nicht, um erfolgreich zu sein. Er hat einmal gesagt, er habe sich „prostituiert“, als er Filme für das Publikum, für Geld und Erfolg machte. Sein Ziel ist es, innerhalb der Geschichte etwas Echtes zu finden.
Erinnert ihr euch an Luca Brasi im Paten? Der Schauspieler war kein Profi. Er war so nervös, vor Marlon Brando zu spielen, dass er seinen Text vor dem Dreh immer wieder vor sich hin murmelte. Coppola hat das heimlich gefilmt – und genau diese Szene in den Film geschnitten. Wenn Luca Brasi dann beim Don stottert, ist das kein Schauspiel. Das ist echte Nervosität. Das ist Realität.
### Warum wir Kunst machen (Der Schmerz in Twixt)
Und hier kommen wir zurück zu *Twixt*, dem Film, den alle hassen. Um diesen Film zu verstehen, müssen wir eine Tragödie verstehen. Coppola hat seinen Sohn Gio bei einem Bootsunfall verloren. Ein Schmerz, der ihn nie losgelassen hat. In *Twixt* verarbeitet er genau das. Den Tod eines Kindes.
In einem Interview sagte er mal: „Kunst macht man nicht, um Leute zu unterhalten. Sondern um etwas über sich selbst zu lernen. Aber dafür musst du dich hinsetzen und es ‚ausbluten‘. Das kannst du nur mit deinem eigenen Blut.“
Ich mag *Twixt* nicht. Ich kann nichts damit anfangen. Aber Coppola hat diesen Film nicht für mich gemacht. Er hat ihn auch nicht für das Studio gemacht. Er musste etwas verarbeiten. Kunst wird aus der Sicht des Künstlers geboren. Aus Tragödien, Wut, Liebe, Hass. Es brennt etwas unter der Haut, das raus muss.
Deshalb kann eine KI niemals echte Kunst machen. Weil sie keine Perspektive hat. Sie hat keinen Sohn verloren. Sie spürt keinen Schmerz. Kunst muss keinen Sinn ergeben und sie muss niemandem gefallen. Shia LaBeouf hat mal gesagt: „Kunst ist, wenn es dich bewegt.“
Jackson Pollock, der Maler, hat Farbe auf die Leinwand geworfen, ohne zu denken. Hätte er gesagt: „Ich male keinen Strich, bevor ich nicht genau weiß, warum“, wäre die Leinwand leer geblieben. Coppola hat mit *Twixt* quasi einen Studentenfilm gemacht. Er wollte wieder bei Null anfangen. Lernen. Sich entwickeln. Vielleicht nicht so, wie wir es wollten ("Mach noch mal einen Mafia-Film!"), aber so, wie er es brauchte.
Er war Anfang 30, als er den Paten machte. Er war jung, naiv, brauchte Geld für seine Familie und wollte gefallen. Heute ist er 85. Er muss sich mit dem Tod, dem Altern und Verlust auseinandersetzen. Natürlich macht er andere Filme.
###

### Das Risiko: Alles auf eine Karte
Ein essenzieller Teil von Kunst ist Risiko. Coppola hasst Marvel-Filme. Nicht aus Snobismus, sondern weil sie risikolos sind. Es ist immer die gleiche Geschichte, nur andere Kostüme. Keine Innovation, keine Gefahr zu scheitern.
Selbst Scorsese ist irgendwann zum Mafia-Genre zurückgekehrt (*The Irishman*). Für Coppola ist das fast eine Tragödie. Er will sich nicht wiederholen. Er will etwas Neues über sich herausfinden. Van Gogh hat fast 900 Gemälde gemalt. Wir kennen vielleicht zehn. Macht das die anderen wertlos? Sind sie gescheitert? Nein, sie sind Teil des Weges.
Coppola ist der vielleicht kompromissloseste Künstler Hollywoods. Schon in den 80ern hat er alles verloren. Nach *Apocalypse Now* drehte er *One From the Heart*. Er wollte das Kino revolutionieren, "elektronisches Kino" schaffen, weg vom Realismus hin zum Surrealen. Er steckte sein ganzes privates Vermögen hinein. Der Film floppte gigantisch. Coppola ging bankrott. Er verlor alles. Er musste Jahrzehnte lang Auftragsarbeiten drehen (Filme wie *Jack* oder *Der Regenmacher*), die er eigentlich nicht machen wollte, nur um seine Schulden zu bezahlen.
Und jetzt? Er ist alt. Er hat wieder Geld. Er hat sein Weingut zu einem Imperium aufgebaut. Er könnte seine letzten Jahre in der Sonne Toskanas genießen, Wein trinken und sich als Legende feiern lassen.
Aber er ist immer noch derselbe Verrückte.
Er hat wieder alles verkauft. Große Teile seines Weinguts. Warum? Um *Megalopolis* zu finanzieren. Ein Projekt, das er seit Jahrzehnten im Kopf hat. Ein Film, der riesig ist, der Millionen verschlingt. Kein Studio wollte ihn finanzieren. Also zahlt er es selbst. Wieder setzt er alles auf eine Karte. Nicht für mehr Geld – er weiß, dass der Film wahrscheinlich floppen wird. Nicht für Ruhm – den hat er.
Sondern weil er es machen *muss*. Weil es Kunst ist.
### Ein Therapie-Brief zum Abschied
In ein paar Tagen kommt *Megalopolis* vielleicht raus. Die ersten Kritiken sind... schwierig. Man nennt es einen Fiebertraum, ein Desaster, unwatchable. Es wird wahrscheinlich einer der größten finanziellen Flops der Kinogeschichte.
Aber wisst ihr was? Das ist mir egal. Es ist der Film, von dem Coppola sagt, es sei sein wichtigster.
Wie einfach wäre es gewesen, nichts zu tun. Aber er wählt das Risiko. Er wählt das "Ausbluten". Dieses Video, oder besser gesagt dieser Text, ist vielleicht etwas komisch geworden. Weniger eine Kritik, mehr eine Therapie-Sitzung für mich selbst. Gedanken über Kunst, die ich loswerden musste.
Wenn Coppola mit *Megalopolis* scheitert, dann scheitert er zu seinen eigenen Bedingungen. Und das verdient mehr Respekt als jeder glattgebügelte Milliarden-Erfolg aus der Retorte.
Danke, Francis. Für alles. Wir sehen uns zur *Megalopolis*-Kritik.

Kontakt: hello@heisenberg-studio.com — Heisenberg Studio, Berlin, Deutschland.